"Die Leber ist erste Wahl für Wissenschaftler und unser Netzwerk"

Portrait des Mediziniprofessors Peter Jansen

Der niederländische Medizinprofessor Peter Jansen erwartet ganz neue Einblicke durch seine Aufgabe als Programmdirektor des Forschungsnetzwerks LiSyM. (Quelle: Academic Medical Center Amsterdam)

Interview mit Prof. Peter Jansen, Programmdirektor des Forschungsnetzes LiSyM – Systemmedizin der Leber

Forschung und Arbeit mit Patienten gingen bei Peter Jansen immer Hand in Hand. Seit den 70er Jahren hat sich der Mediziner der Leber verschrieben. Als Programmdirektor repräsentiert und koordiniert der Niederländer seit Beginn des Jahres das neue Forschungsnetzwerk LiSyM. Im Gespräch mit systembiologie.de berichtet er über seine Ziele für die kommenden Jahre und erklärt seine Faszination für das Organ Leber.

systembiologie.de: Was hat Sie an der Aufgabe als Programmdirektor des Netzwerks LiSyM gereizt?

Prof. Dr. Peter Jansen: Mit meiner Arbeit als Programmdirektor betrete ich nach Jahrzehnten in der Leberforschung noch einmal Neuland. Ich bin es wie viele meiner Kollegen aus der klinischen Forschung nicht gewohnt, mit Modellierern zusammenzuarbeiten. Wir haben in-vitro- Experimente auf der einen und klinische Daten auf der anderen Seite. Dazwischen liegt immer eine Lücke, weil wir nicht wissen, ob und wie sich die Ergebnisse aus dem Labor auf den Menschen übertragen lassen. Die Modellierer können hier eine Verbindung schaffen. Diese Zusammenarbeit hat mich besonders gereizt und ich bin sehr gespannt, wie sie die medizinische Forschung am Ende weiterbringen kann. Ich bin mir schon jetzt sicher, dass es ein sehr interessanter wissenschaftlicher Diskurs werden wird. Das Bundesforschungsministerium hat hier etwas ganz Neues geschaffen.

Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre? Was wollen Sie im Netzwerk erreichen?

Mein Wunsch wäre, dass Toxikologen, Medikamentenentwickler und Kliniker das Netzwerk LiSyM als Prototypen für die medizinische Forschung der Zukunft betrachten. Bisher ist es oft sehr enttäuschend, wenn man die Ergebnisse der molekularen in-vitro-Forschung oder von Tierversuchen direkt auf die Klinik und damit auf den Menschen überträgt. Es gibt große Unterschiede in der Wirkung eines Medikaments. In-vitro-Experimente und Tierversuche wecken daher leider oft unrealistische Erwartungen an klinische Erfolge. Die Modellierer können diese Lücke hoffentlich schließen und zu einem besseren Verständnis bei der Übertragung von Ergebnissen auf der molekularen Ebene auf den ganzen Organismus beitragen. In Zukunft kann man dann vielleicht sogar ganz auf Tierversuche verzichten.

Sie sind bereits seit den 70er Jahren in der Leberforschung aktiv. Was fasziniert Sie so an diesem Organ?

Alles wird faszinierend, sobald man mehr darüber weiß. Ich habe jetzt fast mein ganzes Leben mit Leberforschung verbracht. Ich weiß mittlerweile also eine ganze Menge darüber und es wird jeden Tag spannender. Es gibt so viele biologische Signalwege, die man in der Leber untersuchen kann. Nahezu die ganze Biochemie ist aus Leberexperimenten entstanden. Es gibt so viel Wissen und Daten über die Leber, dass die Forschung hier nie zum Stillstand kommt. Auch bei LiSyM zeigt sich, wie wichtig die zahlenreichen Datensätze und Studien zur Leber sind. Über andere Organe ist längst nicht so viel Wissen verfügbar. Die Leber ist damit erste Wahl für Wissenschaftler und für unser Netzwerk.

In Ihrem Beruf schlagen Sie die Brücke zwischen Forschung und medizinischer Praxis. Wie befruchten sich diese beiden Bereiche Ihrer Arbeit gegenseitig?

Wenn ich die Patienten treffe und ihre Probleme sehe, dann ergeben sich gleich so viele klinische Fragestellungen, die ich lösen möchte. Ich schaue mir die Patienten und ihre Labordaten an und frage mich, warum bestimmte Enzyme erhöht sind oder bestimmte Therapien nicht anschlagen. Und wenn man mit Forschern im Labor zusammenarbeitet, ergeben sich noch ganz neue Fragestellungen. Als ich in den 80er Jahren angefangen habe, haben sich die Forscher nicht dafür interessiert, was in der Klinik passiert. Das hat sich inzwischen zum Glück geändert. Wenn die Grundlagenforscher jetzt mit uns Ärzten zusammenarbeiten, dann verstehen sie, dass es in der Klinik viele spannende Fragen gibt, an denen sie arbeiten können. Für sie ist es auch eine große Motivation zu wissen, dass sie mit ihrer Forschung Menschen helfen können. Für die Ärzte ist es wiederum spannend, die Mechanismen hinter Krankheiten aufzuklären, die sie jeden Tag sehen. Forscher und Ärzte motivieren sich somit gegenseitig.

Sie sind nicht nur LiSyM-Programmdirektor, sondern stehen auch weiterhin regelmäßig am Krankenbett – denken Sie auch an Ruhestand? Oder fragt Ihre Familie manchmal danach?

Im Gegenteil, ich habe gerade sogar eine weitere Funktion übernommen. Ich bin jetzt auch Gastprofessor in London und Maastricht. Meine Familie unterstützt mich bei allen Projekten, weil sie weiß, dass es genau das ist, was ich machen möchte. Außerdem finde ich, dass 65 definitiv kein Alter für einen Wissenschaftler ist, um in Rente zu gehen. Im Austausch mit jungen Wissenschaftlern kann ich meinen Beitrag leisten, da machen sich die Jahrzehnte Erfahrung bezahlt. Ich denke, ich kann ihnen ein guter Ratgeber sein. Solange ich das machen kann, genieße ich es.

Das Interview führten Melanie Bergs und Gesa Terstiege.

 

Forschungsnetz Systemmedizin der Leber (LiSyM)

Anknüpfend an die bisher veröffentlichten Maßnahmen im Bereich der Systemmedizin fördert das Bundesforschungsministerium seit dem Januar 2016 das Forschungsnetz „Systemmedizin der Leber“ (Liver Systems Medicine - LiSyM) im Rahmen des übergeordneten Forschungs- und Förderkonzeptes „e:Med – Maßnahmen zur Etablierung der Systemmedizin“. Das Forschungsnetz vereint nationale Kompetenzen aus den Bereichen der anwendungsorientierten Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der Systembiologie für die Leberforschung. Insgesamt sind 27 Projekte beteiligt, darunter vier Nachwuchsgruppen. In vier Forschungsschwerpunkten wird der Verlauf krankheitsbedingter Veränderungen der Leberfunktion bis hin zum Organversagen auf den verschiedenen Organisationsebenen (Zelle-Gewebe-Organ-Organismus) untersucht. Ziel ist die Entwicklung von Multi-Skalen-Modellen, die eine Aufklärung der grundlegenden Schlüsselmechanismen bei Lebererkrankungen ermöglichen. Basierend auf aktuellen Fortschritten in der klinischen Leberforschung sollen mit diesem Ansatz eine Einordnung der Patienten in Risikogruppen ermöglicht sowie optimierte Behandlungsverfahren entwickelt werden. Durch die Umsetzung der Maßnahme werden die Forschungsergebnisse aus dem von 2010 bis 2015 geförderten Kompetenznetz „Die Virtuelle Leber“ für eine Anwendung in der Klinik weiterentwickelt. Das Bundesforschungsministerium stellt hierfür 20 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre zur Verfügung.

Kontakt

Prof. Dr. Peter Jansen
Programmdirektor Forschungsnetz LiSyM
p.l.jansen@amc.uva.nl
www.Hepaconsult.com